Galerie Hubert Winter

Catrin Bolt
Mechurchletukhutsesi
22. Juni – 1. September 2007
Wie kann dieses 1000mal Gesagte wieder neu gesagt werden?
Der letzte Eintrag in: Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher L (1796-1799 ). In: Georg Christoph Lichtenberg, Schriften und Briefe II. Hrsg.v.W.Promies. Ffm, Zweitausendeins, 1994.

MECHURCHLETUKHUTSESI HEISST SCHATZMEISTER

Kunst und das Wissen, wie etwas getan werden kann, stehen in enger Verbindung. Etwas tun kann auch heißen, etwas nicht gezielt zu tun. Eine Möglichkeit von vielen ist, etwas so zu tun, dass es zu einem Produkt führt, mit der Absicht, den Lebensunterhalt abzusichern. Handeln steht im Gegensatz zum Arbeiten insofern, als dieses sich 'ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt', schreibt Hannah Arendt in Vita Activa. Zu den Fertigkeiten, die eine Produktion voraussetzen und bedingen, gehört ebenfalls das Wissen über den Einsatz von technischen Mitteln, die Anordnung von Abläufen und Zeiträumen, die Prozesse benötigen. In Catrin Bolts Arbeiten wird die gegenseitige Abhängigkeit von Arbeitenden/ Handelnden und ihrer Instrumente auf unterschiedliche Weise thematisiert.

In der Ausstellung 'Mechurchletukhutsesi' wandelt Bolt diesmal wieder entlang der Ränder des Denk- und Wahrnehmbaren, wie bereits in der Schau 'There is still something you should know' vorletzten Sommer in der Galerie Winter. In dieser Ausstellung ging es um die grundlegenden Bedingungen künstlerischer Produktion und ihrer Wahrnehmung. In einer Serie von Fotografien wurden verschiedene Ausstellungskonstellationen durchgespielt und damit gezeigt, wie durch das Nebeneinanderstellen von jeweils zwei aufeinanderfolgender Abbildungen Unterschiede und Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden und so die Wahrnehmung eingrenzen. Ihr Spiel mit dem Vergleich nebeneinanderstehender Bilder, die Teil einer Serie von vielen sind, führt die BetrachterInnen entlang von Übereinstimmungen und Differenzen durch einen vorgezeichneten visuellen Parcours. 

Auch im Film geht es um die Lesbarkeit der Welt, um die Saumpfade, entlang derer uns die Tätigkeit des Unterscheidens führt. Diese reduzieren das Wahrgenommene auf ein Element, das in der Schnittmenge der möglichen Kombinationen liegt, genau dort, wo die vielschichtigen und gegenläufigen Auffassungen in der Gegenüberstellung von zwei Informationen zu einer werden. Es sind die gängigen Ausrutscher in der visuellen Kommunikation, die immer wieder gezielt eingesetzte Verschiebung in der Anordnung von Bild und Bild oder Bild und Text, aus der heraus Bolt arbeitet. Der planvolle Gebrauch von Verschiebung, die fehlende Übereinstimmung von der intendierten Lesart und dessen, was verstanden werden kann, sind die Wunschwege der gegenwärtigen Realität, denen sie nachfolgt. Der Griff in die Grabbelkiste der unendlichen Möglichkeiten fehlender Übereinstimmung, der in der Kunst in verschiedener Weise erfolgt, wird jedoch ohne weiteres tatsächlich von der unvermittelten Realität immer wieder überboten. Diese manifeste décalage, der wir im täglichen Handeln und Arbeiten ausgesetzt sind, lässt sich nicht darauf reduzieren, dass dann Lesarten von Realität mit den Lesarten von Kunst konkurrieren. Es ist ein Unterschied, ob handelnde Menschen eine Konstellation des Lebbaren erzeugen oder ob arbeitende KünstlerInnen eine Repräsentation von unerträglichen Realitäten liefern. Oder ob ein/e KünstlerIn in einem Lebenszusammenhang arbeitet, ohne zu produzieren beziehungsweise außerhalb dieses arbeitet, um zu produzieren.

Womit wir beim Film und der Realität als gestaltetes Produkt wären. Wo liegt der Unterschied der elektrochemischen Reaktionen, die durch einen beliebigen Hollywoodfilm im Hirn des Publikums aus dem Hier und Jetzt ausgelöst werden und den Reaktionen der kunstinteressierten Betrachter des Film von Catrin Bolt? In ihrer Auswahl der künstlerischen Methode der gezielten falschen Anwendung von Sujets, Einstellungen und Sehweisen nähert sie sich der Membran, die zwischen dem Arbeiten, Handeln und Herstellen liegt. In der Regel liegt es außerhalb der allgemeinen Wahrnehmung, dass der Gebrauch gestalteter Produkte nicht immer vom ursprünglichen Verwendungszusammenhang bestimmt wird. Elektronische Datenverarbeitungsmaschinen zum Beispiel sind von ihrer Entstehungsgeschichte und Funktion her Rechenmaschinen, tatsächlich angewendet werden sie jedoch für verschiedene administrativen Aufgaben, die Übermittlung, Klassifikation und Speicherung von Daten verschiedener Art, bis hin zur Aufnahme, Übermittlung und Modifikation bewegter Bilder oder einfach fürs Spielen.
Es scheint also eine allgemein akzeptierte und wiederholt bestätigte Grundbedingung der heutigen Gesellschaftsverfassung zu sein, dass Handeln auf unterschiedliche Weise aufgefasst und sichtbar wird, doch gleichzeitig mit dem unregulierten Gebrauch von Technik zusammenhängt. Die Unterscheidung von materieller und nicht-materieller Kommunikation als grundlegende und nicht hinterfragbare Tatsache ist zum Grundbaustein unserer sozio-ökonomischen Bedingung geworden. Wie wäre es sonst zu erklären, dass der Gebrauch elektrochemischer Reaktionen, die im Hirn der BeobachterIn als Folge immaterieller visueller Signale stattfinden, nicht verboten ist, während ganz ähnliche Prozesse, die durch unterschiedliche Substanzen verschiedene Bewusstseinsänderungen hervorrufen, von staatlicher Seite streng verfolgt und bestraft werden? Diese Bedingung künstlerischer Produktion katapultiert Kunst aus dem Rahmen des Ästhetischen direkt in den unvermittelten Zusammenhang von Handeln und Herstellen und damit in den Bereich des Sozialen. Ernsthaft sich diesen Bedingungen zu stellen, stellt künstlerisches Arbeiten vor eine Herausforderung, die abweicht von unkritisch übernommen künstlerischen Strategien, die sich nur aus Tradition und Erfahrung speisen.

Fouad Asfour, 2007


Die Künstlerin dankt Ahmend Akbari, Barak Reiser, Andreas Weiss, Tobias Bolt, Harald Scherz, Reza Rezai, Helmut Machhammer, Michael Singer und Heidi Bolt.