Die letzten Zeilen. In: Kenneth Mackenzie, Was sie begehren. Roman (1937). Dt. v. V. Siegemund. Berlin, Hanser, 2014.
Die Galerie Hubert Winter freut sich, die vierte Einzelausstellung von Stephen Skidmore (geb. 1950 in Newcastle, lebt und arbeitet in London) in der Galerie zu präsentieren. Gezeigt wird zum ersten Mal die Serie der Afternoon Paintings, die zwischen 1999 und 2004 entstand.
In den ersten Minuten von Alfred Hitchcocks Film Strangers on a Train aus dem Jahr 1951 werden die Protagonisten als zwei getrennte Beinpaare gezeigt, die zielstrebig über Straßen und Bahnsteige schreiten. Die Geschichte beginnt erst wirklich, als sie aufhören, Fremde zu sein, und durch ein zufälliges Aneinanderstoßen ihrer überschlagenen Beine kollidieren. Stellen Sie sich jedoch eine Verschiebung dieses entscheidenden Moments vor – also ein Aussetzen der körperlichen Berührung, die den Stein ins Rollen bringt –, und Sie sind der eigentümlich aufgeladenen Atmosphäre von Stephen Skidmores Afternoon Paintings schon sehr nahe.
Schon die Entstehungsgeschichte dieser Bilder hat etwas von einem Hitchcock-Thriller. Eines Nachmittags, vor etwa fünfundzwanzig Jahren, setzte sich Skidmore auf eine Bank auf einem belebten Bahnsteig der Londoner Waterloo Station, seine Pentax-Kamera auf dem Schoß. Und ohne wirklich darauf zu achten, was er tat, begann er zu fotografieren, insgesamt sechs Aufnahmen. (Kurz darauf wurde er vom Bahnhofspersonal entdeckt, in einen Raum zu einem spannungsgeladenen Gespräch geführt und ermahnt, dies nicht wieder zu tun. Andere Zeiten). Während dieses Ereignis in der Geschichte der Fotografie vorweggenommen wirkt – man denke an Walker Evans in den späten Dreißigerjahren, der seine Kamera in seinen Mantel gesteckt hatte, um heimlich Fotos von Mitreisenden in der New Yorker U-Bahn zu schießen –, verändert Skidmores Übersetzung der Fotografie in Malerei deren Bedeutung. Die Schnelligkeit und Beiläufigkeit des Ursprungs wird, durch die langsame Arbeit des Malens, in eine Art des Nachdenkens über das Mysteriöse der sichtbaren Welt und die Fremdartigkeit von Fremden verwandelt.
Aber wie gelingt das? In Skidmores eigenen, zurückhaltenden Worten erzählen die Afternoon Paintings „die Geschichte dessen, was während einer Stunde“ an einem ganz gewöhnlichen Tag in der Waterloo Station geschah. Aber was geschieht in diesen Gemälden? Nicht viel. Nennenswerte Ereignisse in Bahnhöfen sind Dinge wie Zugausfälle oder Katastrophen: alles, was den reibungslosen Verkehrsfluss unterbricht, den Bahnhöfe eigentlich ermöglichen sollen. Hier jedoch zeigt Skidmore Körper, die auf Beine und Füße – die grundlegenden Bewegungsapparate – reduziert sind, und zwar auf eine Weise, die den Betrachter:innen die Auflösung verwehrt, die ein Stoß oder ein Knall mit sich bringen könnte. Stattdessen wird uns der Luxus eines innegehaltenen Augenblicks gewährt. Die Aufmerksamkeit, die Skidmore seinen gedruckten Fotografien widmete, indem er sie mit zarten, behutsamen Pinselstrichen neu beschrieb, regt zu einer langsamen Auseinandersetzung mit diesen Werken an. Obwohl sie inhaltlich buchstäblich körperlos sind, wirken Skidmores Gemälde in ihrer Oberfläche dennoch sinnlich und taktil, als hätten Augen Hände.
Die Afternoon Paintings bereiten visuelles Vergnügen durch eingeschränkte Blickwinkel. Obwohl es so wenig zu sehen gibt, wird uns doch so viel zum Betrachten geboten: das Schwingen eines Hosenbeins; das unterschiedliche Gewicht der Taschen, die in jeder Hand gehalten werden; das Licht, das von einer Flasche reflektiert wird; der Glanz eines Stöckelschuhs; die ungeplante Synchronizität zweier Menschen, die nebeneinander gehen. Diese Werke sind poetisch im Sinne von W. H. Audens mehrdeutigem Satz „Poetry makes nothing happen“. Skidmores Gemälde nehmen ein Nichts – ein kaum beachtetes alltägliches Ereignis, eine vergessene Bewegung im öffentlichen Raum – und lassen es in der Farbe geschehen. Sie halten das Leben still, nicht um es zu entschlüsseln, sondern um seine Fremdartigkeit zu bewahren.
Text von Ben Street







