Galerie Hubert Winter

Nil Yalter
8. Juni – 8. September 2018
Ein Geständnis: Trotz meines Hasses auf die Medien würde ich gerne alle zehn Jahre von den Toten auferstehen, zu einem Kiosk gehen und mir ein paar Zeitungen kaufen. Mehr verlange ich gar nicht. Mit den Zeitungen unterm Arm würde ich, bleich die Mauern entlangschleichend, zum Friedhof zurückkehren und von den Katastrophen der Welt lesen, um dann im sicheren Schutz meines Grabes beruhigt wieder einzuschlafen.
Die letzten Zeilen. In: Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer. Dt. v. F. Grafe und E. Patalas. Berlin, Alexander, 2004.

Fragmentierung, Verdoppelung, Wiederholung, Komplementarität wirken in Nil Yalters vielschichtigem Textum (“Netz” im Lateinischen) durch einen kombinatorischen Prozess: der quer (denkende) Blick der Künstlerin in verschiedenen Medien bewegt sich spiralförmig durch vielfältig verbundene Themen wie beispielsweise Migration, Bedingungen der Arbeit und Wohnung und stellt “Bilder” zur Verfügung, die das Kontinuum der Geschichte zum Explodieren bringen.

Fotografien wurden zu einem positiv/negativ Binom (Chicago, 1974), werden in einem bunten geöffneten Fächer eingebettet (Algerian Marriage in France, 1977), gespiegelt und zusammen mit Zeichnungen in filmähnliche Streifen kombiniert (EXILE IS A HARD JOB, 2015/18). Subjekte können sich innerhalb der Kompositionen multiplizieren, umkreisen einander und werden allmählich ausgeblendet: Nil Yalter benutzt das Gedächtnis als hermeneutischen Prozess der Subjektivierung, wobei sich Singularität und Multiplizität überschneiden.

Die Künstlerin, deren vielseitige Praxis sozialwissenschaftliche und kunstgeschichtliche Elemente aufgreift, verpflichtet sich selbst zu einer kontinuierlichen Kompositionsübung. Yalter verknüpft Erfahrungen urbanes Musters, indem sie Fotografie mit Text, Zeichnung, Malerei und verschiedensten Materialien zusammenführt. So gestaltet sie mit Fragmenten der Jetztzeit und der Vergangenheit ein Netz, das sowohl die Unterbrechung der historischen Zeitlichkeit als auch die Erfahrung davon einschließt.

In dieser Ausstellung münden verschiedene Quellen in eine ausgewählt reproduzierte Textualität: französische Exzerpte aus einem Artikel von Le Monde (23.7.1975) und einige Notizen der Künstlerin über das Viertel Bois de l’Etang (gebaut in den späten 1960er Jahren als Immobilienspekulation in La Verrière, Frankreich), Passagen aus Gedichten der türkischen Autoren Hasan Hüseyin und Nâzım Hikmet und aus der französischen Übersetzung von Friedrich Engels
Zur Wohnungsfrage (La Question du Logement, 1872) wurden in Blockdruck/Letterndruck auf notizbuchähnlichen Bleistiftlinien gedruckt. Nil Yalter performiert den Akt des Schreibens und Umschreibens, der die Standardisierung der Werkzeuge (bewegliche Metalltypen) mit dem manuellen Akt des Pressens ausgleicht und wird so eine hybride „Mensch-maschine“. Die Texte füllen den Raum der geometrisch konkaven und konvexen Formen, in denen sie sich bewegen und unerwartet gegen die physischen Grenzen stoßen: der Unterschied ihrer Quellen bekräftigt die Dringlichkeit sprachliche Register zu systematisieren, die verschiedenartig und doch vereint sind, in dem unvermeidlichen Drang zu denunzieren und an einem gemeinsamen Kampf teilzunehmen.

Nil Yalter (1938 in Kairo geboren, aufgewachsen in Istanbul und in Paris lebend) benutzt Sprache als Werkzeug, um den Begriff der Identität immer wieder in Frage zu stellen: Französisch und Türkisch umreißen den “Doppel-Status” der Künstlerin und sind Kontrapunkte um “EXILE IS A HARD JOB” (2015/2018), das einzige Statement in Englisch. Bilder von Ritualen und ritualisierte Alltagshandlungen sind so in Muster platziert, dass sie an geometrische Dekorationen–charakteristisch für den Mittelmeerraum–erinnern: figurative und abstrakte Traditionen wurden kombiniert und somit bewusst vernachlässigt.

In Yalters Oeuvre gehen individuelle Erfahrung und Ergriffenheit durch bewegte und bewegende Perspektiven und komponierte Fragmente in kollektive über.

Und unter 'Ergriffenheit' verstehen wir das menschliche Vermögen, durch ein Gefühl oder einen Gedanken unterworfen zu werden, bis es sich mit dem Objekt dieses Gefühls oder Gedankens identifiziert und es so erkennt.”
Furio Jesi, Studi cosmogonici, 1958