Galerie Hubert Winter

HeimatWeh - FernLust
19. Mai – 10. Juni 2000
Die Reisenden sind dazu verdammt, von den Häusern, in denen die seßhaften Menschen alt werden, nur die Wände mit ihren Farben und ihren rein architektonischen Kuriositäten zu sehen. Ich war ein solcher Reisender. Auf kleinen alten Dampfern auf arabischen Daus von einem Ufer dieses tiefen Höllenkanals zum anderen hin- und herfahren, auf die Uferwälle Afrikas und Arabiens springen – mit solchen hektischen Bewegungen kann man nicht allzu lange Freiheit vortäuschen. Es ist, als wenn sich eine Art Metallkugel in einem drehte: sie verletzt die inneren Organe, je mehr man sich bewegt, desto schlimmer wird es.
Die Fenster sind vor den Reisenden verschlossen, weil sie sich für verpflichtet halten, überall, wo sie hinkommen, allen Leuten das reisen zu empfehlen. Jedermann weiß, daß sie die Feinde derer sind, die sich lange in einem Zimmer aufhalten können, deshalb sind ihnen die lebenden Wesen verschlossen wie hermetisch abgedichtete Kugeln. Sie reisen immer weiter und warten auf das Wohlwollen eines glücklichen Zufalls, als ob diese willkürliche Mischung von Ursachen das Werk eines Gottes wäre, der Belohnungen austeilt. Aber ein hartnäckiger Mensch, der sich von seiner willentlichen Bindung an einen Ort und an eine bestimmte Handlungsweise, von einer soliden Methode nicht die Leidenschaftlichkeit nehmen läßt, kann diese Ursachen in seine Macht bekommen und sie entwirren. Wer bleiben, ohne zu erröten "meine Bleibe" sagen können will, muß die wirkliche Macht lieben. Die Reisenden und Entflohenen sind nur die lächerlichen Zeugen einer menschlichen Ohnmacht.
aus: Paul Nizan. Aden (1931).

Von 18. Mai bis 10. Juni werden in der Galerie Hubert Winter Arbeiten gezeigt, die sich dem Thema Reisen in transformierter Form nähern: als Übersetzung in eine Sprachskulptur bei Lawrence Weiner, als poetische Wegbeschreibung bei Hamish Fultons Fotografien und bei Richard Nonas "Mozart's Mother", als Infragestellung von "Zivilisation" und "Wildheit" in Mexiko. Die schwimmenden Bootsnamen von Ian Hamilton Finley lesen sich in diesem Kontext als Synonyme für Aufbruch in die Ferne. Michael Höpfner verfremdet seine Wüstenlandschaften in Grauschattierung ähnlich einem Satellitenfoto, und Fritz Rücker ironisiert in seiner Videobearbeitung gefundener Bergpanorama- und Meeresfotos die Absonderlichkeit von Reiseimpressionen.

  • Review: Die Presse, 17.2.2000 (PDF)