Galerie Hubert Winter

Haim Steinbach
mojave
6. April – 2. Juni 2018
Des Daseins Truggestalten wehen blauschimmernd übers schwarze Blatt wie Morgenwolken ohne Eile, und niemals endet eine Zeile.
Ende
Die letzten Zeilen. In: Vladimir Nabokov, Die Gabe. Roman. Dt. v. A. Engel-Braunschmidt. Gesammelte Werke, Band V. Reinbek, Rowohlt, 1993.

- “ In diesem Fall werde ich deinen Springer schlagen ...”
- “ Bist du sicher?”
- “Ja.”
- “ Natürlich könnte ich das tun ...”
- “ Tatsächlich.”
- “ Wir tauschen die Springer ...” (1)

Wie seltsam ist es, über all die unausgesprochenen Pakte nachzudenken, die während eines Schachspiels geschehen: kontinuierliche soziale Abmachungen zwischen den Spielern (Austausch, Verzicht mit langfristigen Zielen, widerrufliche Todesfälle, Verhandlungsführung von Hoheitsgebieten usw.). Auf dem Schachbrett bewegen und interagieren die Spielfiguren, greifen an und verteidigen.

In Haim Steinbachs Werk kann man eine solche potentielle Bewegung innerhalb einer kartesianischen Logik erkennen, aber wie bei idealen Spielen sind die Regeln nicht festgelegt: “[…] jeder Spielzug erfindet sich seine Regeln neu […]. Anstatt den Zufall in eine Anzahl wirklich distinkter Spielzüge zu teilen, bejaht die Gesamtheit aller Spielzüge den ganzen Zufall und verzweigt ihn ständig mit jedem Zug.”2 Die vom Künstler präsentierten Objekte werden mit Neugier ausgewählt, das heißt mit Sorge für das Existierende, mit der Bereitschaft, den gleichen Dingen eine andere Sichtweise zu bieten.

Bestimmte Objekte werden nach einem freien Spiel mit unterschiedlichen ökologischen Maßstäben in das Raster des Raumes gesetzt. Durch die Verschiebung der verschiedenen Quellen wird das Spiel postuliert: Steinbachs mathematische Verwendung der vorgegebenen Architektur lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf unterschiedliche Arrangements möglicher Displays. Die Wand ist auf ihr Gerüst reduziert und in ihrer eigenen Primärstruktur – mit dem Titel Display #91 –deklariert. Sie steht parallel zum Frontfenster der Galerie, aber auch orthogonal zum Eingang. Obwohl sie ihr Dasein affirmativ behauptet, behindert sie nicht den Weg, sondern eröffnet und überrascht den Besucher mit einem Scheideweg. Eine Wahl-Möglichkeit führt den Betrachter in eine "Sackgasse" des Labyrinths, die andere zu Minotaurus.

Haim Steinbach bringt verschiedene Strategien auf der Oberfläche eines dreidimensionalen Spielbretts ins Spiel, das Alltagsgegenstände, Filmfiguren, Musical-Titel, Plakatpiktogramme und Werbetexte beinhaltet. In Steinbachs Oeuvre entpuppt sich alles als Bezug zur Art und Weise, mit der Bedeutung in (un-)belebte Wesen – ihre Materie und Farbe – angelegt wird, die sich, während des Übergangs von zwei- zu dreidimensionalen Objekten (von Text und /oder Bild zu greifbaren Entitäten), in ihre eigene Archetypizität, Persönlichkeit und Affektivität dekliniert. Seine Arbeiten handeln von der Variabilität eines Sprachspiels, von einem Pakt, indem Besitz und Positionen geteilt werden, und Hierarchien ebenfalls umkehrbar sind. Die Objekte sind Fragmente von Sammlungen: gekauft, gesehen und gefunden an verschiedenen Orten. Sie transformieren und werden gegenseitig umgewandelt – durch eine relative Ökonomie der Zuneigung, durch Verlangen, durch vorübergehenden Besitz, durch ihre Beziehungen mit anderen Elementen der gesamten Präsentation. Ihre Größen und Aspekte können sich von ihrer eigenen Quelle unterscheiden, an die sie sich metonymisch erinnern, aber die bestimmte Maßstabsveränderung in Verbindung mit den Darstellungs- und Strukturmitteln provoziert eine Verschiebung der Perspektive, einen Verfremdungseffekt. Versetzte und sorgfältig platzierte Spielzeuge, Erinnerungsstücke, Gadgets, Alltagsgegenstände werden vor den Augen des Betrachters als Lernmittel präsentiert, die man immer wieder neu betrachten kann. Sowie Farben – ein Farbspektrum wird in der Tat gleich behandelt: als Oberfläche, als gesammeltes Objekt.

Haim Steinbach präsentiert seine Arbeiten in der Galerie Hubert Winter mit Sorgfalt, das heißt, ihre architektonischen Passagen und Besonderheiten werden sorgfältig bedacht; durch seine Regale, Boxen, Rahmen und Strukturen hat er eine gemeinsame Basis für ein scherzhaftes, neugieriges Spiel geschaffen. Alle Elemente sind zugleich die ausgestellten Werke und die Gestaltung; sie sind sowohl die Indikatoren als auch der Index. Und die Regeln werden entsprechend den Beziehungen – allgemein und individuell – zwischen den Objekten definiert und redefiniert. Sie sind alle partiell verborgen, partiell gezeigt und partiell ausgesprochen. In der Tat "Wenn der Löwe sprechen könnte, ..." 3

1. Marcel Duchamp und Jean-Marie Drot im Gespräch in Jeu d’échecs avec Marcel Duchamp (video 1963)
2. Gilles Deleuze, Logik des Sinns (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993)
3. Ludwig Wittgenstein, Philosophical Investigations (Oxford: Blackwell, 2008)

  • Critic´s Pick, Artforum (PDF)