Galerie Hubert Winter

Simone Fattal. Francesco Gennari
curated by_ Lorenzo Giusti
14. September – 10. November 2018
Ich könnte mich nicht mehr bemühen, ein paar Momente, ein paar Bewegungen auftauchen zu lassen, die mir noch unbehelligt, noch stark genug zu sein scheinen, um sich aus jener bewahrenden Schutzschicht, aus den weißlichen, weichen, wattigen Dichten befreien zu können, die sich auflösen und mit der Kindheit verschwinden…
Die letzten Zeilen. In: Nathalie Sarraute, Kindheit. (Enfance). Dt. v. E. Tophoven. Köln, Kiepenheuer & Witsch,1984.

Simone Fattal. Border Landscapes
Einhergehend mit ihrer Familiengeschichte hat Simone Fattal (*1942, Damaskus, Syrien) seit ihrer Kindheit eine enge Beziehung zur Stadt Wien. Ihr Großvater, Khalil Fattal, wurde in Damaskus zum Dragoman der Österreichisch-Ungarischen Monarchie ernannt, um in dieser Funktion österreichischen Arbeitern und Reisenden in Syrien zu helfen. Simone Fattals Vater, der während des Ersten Weltkriegs in Wien gelebt hatte, kehrte nach Kriegsende nach Syrien zurück, wo er als österreichischer Konsul arbeitete und dort ihre Mutter traf, die selbst österreichische Vorfahren hatte. Da ihre Familie auf so vielfältige Weise mit Österreich verbunden war, wuchs Fattal in einem Umfeld voller österreichischer Querverweise auf: das Familienhaus und das Auto mit der österreichischen Flagge gekennzeichnet, die direkte Weitergabe der eigenen Geschichte durch Erzählungen ihrer Verwandten.
Bereits seit den frühen 1980er-Jahren (nach der Flucht vor dem Bürgerkrieg im Libanon) lebte und arbeitete Simone Fattal als Bildhauerin an verschiedenen Orten – von Beirut bis Paris, von Südfrankreich bis Nordkalifornien – und erforschte und rekonfigurierte durch ihre Arbeit die Vorstellungen von Geschichte, Freiheit und Feminismus. Alle diese geografischen Pfade und verschiedenartigen historischen und kulturellen Hintergründe finden in ihrer Keramik eine gemeinsame formale Grundlage. In der Galerie Hubert Winter zeigt die Künstlerin eine Auswahl von Skulpturen, welche Referenzen aus zeitlich unterschiedlichen Lebensabschnitten und (aus ihren diversen Häusern kommend) verschiedene geografische Identitäten dokumentieren. „Warriors“ sind frei stehende menschliche Figuren, die für ihre eigene Existenz kämpfen. „Venus“, eine Gruppe von unabhängigen Frauen/Frauenkörper aus der gleichen Materie: Erde. „Houses“ sind primitive Zufluchtsorte mit grundlegender architektonischer Struktur, die unbestimmte Stadtlandschaften evozieren, an der Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Osten und Westen, materiell und immateriell. Die Auswahl der Arbeiten – von 2006 bis heute – arrangiert ein zeitloses Dorf, bevölkert von mythologischen Figuren, die mit bestimmten Orten nicht identifizierbar, allerdings mit „überall“ zu identifizieren sind.

Francesco Gennari. Mausoleum for a worm
Im Alter von 10 Jahren besuchte Francesco Gennari (*1973, Pesaro, Italien) zum ersten Mal die Kapuzinergruft in Wien, die große Grabkammer des Hauses Habsburg, in die er in seinen Zwanzigern noch einmal zurückkehrte. Die Begegnung hat ihn tief beeindruckt. Der Anblick dieser Stätte inspirierte den Künstler, eine neue Form des Zusammenwirkens von Skulptur und Architektur zu konzipieren. So entstanden Anfang der 2000er Jahre seine ersten "Mausoleum for a worm": Holzskulpturen, die als Grabstätten für wirbellose Tiere gelten, in denen die Reflexion über das Wiener Denkmal einen Dialog mit dem italienischen Rationalismus in der Architektur herstellt. Geschaffen, um Tod, nicht Leben zu enthalten, geben die Mausoleen dem Künstler paradoxerweise die größtmögliche Ausdrucksfreiheit. Während auf der einen Seite die Bedeutung von Gennaris Architekturen in Dunkelheit des geometrischen Raums eingeschlossen ist, das Grabmal des Tieres, erzählt eine - für diese Ausstellung neu realisierte - Serie von Zeichnungen, Gennaris mentale Landschaft und freien Wege seiner Phantasie. In der Galerie Hubert Winter thematisiert Gennari universelle Themen wie - Leben und Tod, Gegenwart und Erinnerung - mit Leichtigkeit und Poesie, die sein gesamtes Werk begleiten.

curatedby_ Lorenzo Giusti
Lorenzo Giusti ist Direktor der GAMeC – Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo. Von 2012 bis 2017 war er Direktor des MAN Museum in Nuoro und 2016 Teil des kuratorisches Teams der dritten Shenzen Animation Biennale. In seinen Projekten konzentriert er sich sowohl auf Leitfiguren der 20 Jahrhundert Avantgarde als auch internationale KünstlerInnen wie Ragnar Kjartansson, Julian Rosefeldt, Maria Lai, Thomas Hirschhorn, Michael Höpfner, Roman Signer, Michel Blazy, Jennifer West ua.

Das curated by_ Festival findet heuer zu seinem 10jährigen Bestehen unter dem Titel Viennaline vom 14. September bis 13. Oktober 2018 statt.
www.curatedby.at